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MadWorld
Review von Andreas Held (mail) | 18.12.2009

Vielleicht war Platinum Games irgendwann auch mal dabei, ein familienfreundliches Casual Game für Wii zu entwickeln. Die Grundzüge an sich sind vorhanden: In einer Grafikengine, die aussieht wie ein Comicbuch, buhlt der Hauptcharakter im Rahmen einer virtuellen Fernsehshow um Punkte und absolviert diverse Minispiele. Irgendwann muss in der Entwicklung jedoch mächtig was schief gelaufen sein, denn MadWorld ist weder casual noch familientauglich - beides nicht mal annähernd, um genau zu sein.

Super Smash Heroes
Das Setting von MadWorld ähnelt einer Mischung aus Super Smash TV und No More Heroes. Die angesprochene Fernsehshow ist eine Reality-Soap namens Death Watch, in der die Bewerber in einer mit Kameras ausstaffierten Stadt um's Überleben kämpfen. Der Spieler übernimmt die Rolle von Jack, der im Rahmen dieser Fernsehshow gegen diverse Mitbewerber antritt, um ihren Ranglistenplatz einzunehmen. MadWorld unternimmt außerdem den Versuch, dem ganzen mit einer Story noch etwas Sinn zu geben, die einige provokante Parallelen zur Realität zieht, letztendlich aber wirklich nur Beiwerk ist. MadWorld ist ein reinrassiges Actionspiel.

 


Hauptprotagonist Jack hat in fast jedem Level die Aufgabe, innerhalb eines abgesteckten Bereichs Punkte zu sammeln und einen bestimmten Punktestand anzuhäufen, um dann im Duell gegen den nächsten Widersacher antreten zu können. Punkte erhält Jack für das Erledigen von anderen Mitbewerbern, die ihre Fähigkeiten jedoch grob überschätzen und daher eher als Kanonenfutter und Punktelieferanten dienen. Die oberflächlichen Steuerungsmöglichkeiten erinnern dabei an gewöhnliche Action-Games: Mit dem A Knopf wird eine normale Faustschlagcombo initiiert und mit Bewegungen der Wii-Remote können stärkere Hiebe oder Uppercuts ausgelöst werden. Ein Gedrückthalten des B-Knopfs aktiviert die Kettensäge, die an Jacks rechtem Arm befestigt ist und dann ebenfalls mit der Wii-Remote geschwungen werden kann. Gepaart mit diesen Combos erhält Jack gelegentlich die Möglichkeit zu einem Finisher.

Wer wirklich punkten will, muss jedoch die Objekte in der Umgebung kreativ einsetzen. In der Tutorialmission wird an einem interaktiven Beispiel erklärt, wie ein Gegner zunächst mit einem Autoreifen gefesselt wird, danach ein Fass über den Kopf bekommt, von Jack gepackt und mehrmals gegen ein stacheliges Brett geschlagen wird. Auf diese Weise lassen sich Objekte zu Combos verbinden, und je mehr der Spieler seine Umgebung beachtet und ins Kampfgeschehen mit einbezieht, desto schneller steigt das Punktekonto. Im weiteren Spielverlauf experimentiert Jack mit Straßenlaternen, asiatischen Skulpturen und Geldkoffern, wirft Gegner auf riesige Bratpfannen und vor fahrende Züge oder nimmt sich eine der zahlreichen Waffen, die dann für eine begrenzte Zeit genutzt werden können. Der Spieler kann sich dabei relativ frei austoben: Die Gegner setzen sich nur recht selten zur Wehr und die eigentliche Herausforderung liegt wirklich darin, konzentriert die Umgebung zu beobachten und möglichst viele Objekte ausfindig zu machen, die sich zweckentfremden lassen.

Unterbrochen wird das Ganze von den sogenannten Bloodbath Challenges, einer Art Minigame, von denen es in den meisten Levels mindestens eines zu sehen gibt. Diese werden freigeschaltet, sobald eine gewisse Punktzahl erreicht ist und sollen das Gameplay etwas auflockern, bevor es dann im eigentlich Level wie gewohnt weitergeht. Bloodbath Challenges werden zunächst wie ein Produkt in einem TV-Shopping-Kanal vorgestellt und erklärt, sind aber meistens recht simpel gehalten - beispielsweise müssen Gegner in eine Flugzeugturbine geworfen werden oder in eine Tonne gesteckt werden, in der dann ein Feuerwerk gezündet wird. Jede Bloodbath Challenge verfügt über ihr eigenes Punktesystem und wird dynamisch ins Spielgeschehen eingebunden - wer will, kann sie jedoch auch aus dem Menü wählen und im Multiplayermodus gegen einen menschlichen Gegner spielen. Dort lädt das Spiel dann z.B. zu einer Runde "Man Darts" ein, in dem Gegner mit einem Knüppel gegen eine Dartscheibe geschlagen werden und Treffer auf die Scheibe wie in einem echten Dartspiel bepunktet werden.

 


Abgeschlossen wird jedes Areal von einem Bosskampf, der im Gegensatz zum vorhergehenden Level, in dem sich die Gegner nur selten wehren, extrem schwer sein kann. Das größte Problem dabei ist, dass sich Jack zwar im Falle eines Ablebens an Ort und Stelle wiederbeleben kann, jedoch nur wenige Leben zur Verfügung hat und bei einem Game Over das komplette Level wiederholen muss. Da sich einige Endkämpfe äußerst unfair anfühlen, liegt hier eine Menge Frustpotential vor, und es ist schon eine gewisse Affinität zum Genre und eine gute Portion Motivation notwendig, um auch in der zweiten Hälfte des Spiels am Ball zu bleiben. Das Ganze ist aber auch notwendig, da MadWorld bei einem einfachen Durchmarsch nach wenigen Stunden durchgespielt wäre.

Moralisch fragwürdig, spielerisch grundsolide
Es soll hier nicht lange um den heißen Brei geredet werden: MadWorld ist nicht zuletzt durch sein Setting gewaltverherrlichend und wer deshalb mit dem Titel nichts anfangen kann, sondern ihn für eine sinnlose Gewaltorgie hält, vertritt damit vielleicht eine gesündere Einstellung als diejenigen, die den Titel gut finden. Es geht teilweise extrem hart zur Sache: Jack kann Gegner mit seiner Kettensäge komplett in zwei Hälften zerteilen, während die Kamera auch noch heranzoomt, und das eigentliche Spielkonzept - möglichst kreatives Töten zum Sammeln von Punkten - ist an sich sehr bedenklich. Was MadWorld jedoch vor der Geschmacklosigkeit rettet, ist der übertriebene Stil, wodurch es sich eher auf dem Niveau von Mortal Kombat, einem Tarantino-Film oder dem artverwandten No More Heroes befindet. Insbesondere die Bloodbath Challenges sind extrem von der Realität abgehoben und so überzeichnet, dass man manchmal nicht umher kann, darüber zu lachen und sich dabei, überspitzt gesagt, wie gesellschaftlicher Abschaum zu fühlen, der von der Gewaltdarstellung auch noch belustigt wird. Selbiges gilt übrigens für die Ladebildschirme, in denen bestimmte im Spiel mögliche Combos auf eine gewollt lächerliche Art und Weise dargestellt werden.

 
Ebenfalls entschärfend wirkt der Grafikstil: MadWorld sieht aus wie ein Manga und man könnte jederzeit einen Screenshot machen, mit Sprechblasen versehen und abdrucken. Die monochromatische Grafik hilft dem Spiel, sich noch weiter von der Realität abzusetzen und insgesamt wurde der Titel so gut stilisiert, dass die Gewaltdarstellung keinen herben Beigeschmack mehr hinterlässt. Gleichzeitig ist die Optik jedoch wirklich gelungen - MadWorld ist trotz des Manga-Stils perfekt spielbar und obwohl der Stil sonst nur für zweidimensionale Standbilder verwendet wird, wurde hier eine funktionierende 3D-Spielumgebung damit umgesetzt. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass wirklich kein anderes halbwegs bekanntes Spiel so aussieht - damit kann MadWorld nicht mehr mit Xbox 360-Titeln verglichen werden und es ist unmöglich zu sagen, ob und wie hier das Potential der Konsole genutzt wird. Was bleibt, ist der subjektive Eindruck, dass MadWorld einzigartig und wirklich toll aussieht.

 


Was dabei sicherlich auch hilft ist die Tatsache, dass MadWorld spielerisch nicht völlig stupide, sondern durchaus ausgereift ist. Rein spielerisch ist das Gameplay dem von No More Heroes weit überlegen, die Steuerung geht prima von der Hand und die Mischung aus Knopf- und Bewegungssteuerung ist überraschend intuitiv. Probleme macht nur die Kamera, die bei SEGA fast schon traditionell suboptimal ist und das Geschehen oft aus einem ungünstigen Winkel einfängt, wobei erschwerend hinzukommt, dass sie nicht manuell gedreht werden kann. Untermalt wird das Ganze von einem wirklich überraschend guten HipHop-Soundtrack, der als praktischen Nebeneffekt die teils nervigen Kommentatoren ein wenig übertönt, deren One-Liner sich insbesondere bei Bosskämpfen und Bloodbath Challenges sehr oft wiederholen. Während Zwischensequenzen ist jedoch auch die Sprachausgabe sehr gelungen.

Fazit:
Etwas mulmig war mir bei MadWorld ehrlich gesagt schon. Auch wenn ich sicherlich keine Angst vor 18er-Titeln habe, wirkte MadWorld auf dem Papier sehr gewaltverherrlichend und auch der kettenrauchende, emotionslose Muskelberg von einem Hauptcharakter wird für manche sehr gewöhnungsbedürftig sein. Hinter der Fassade steckt jedoch ein reinrassiger, linearer Action-Titel, der sich nicht nur durch die knallharten Bosskämpfe und den freischaltbaren Hard-Mode direkt an Core-Gamer richtet. Der Grafikstil und die extreme Übertreibung der Gewaltdarstellung heben den Titel dabei weit genug von der Realität ab, als dass hier wie in Manhunt sadistische Züge zu erkennen wären. Rein spielerisch betrachtet gehört MadWorld zu den besten Action-Titeln für Wii überhaupt - das Spielgeschehen ist schnell und flüssig, die Steuerung geht prima von der Hand und Bewegungskommandos sind nur in Maßen vorhanden, in denen sie auch Sinn machen. Ein Epos darf hier zwar nicht erwartet werden, aber als kurzweiliger Action-Titel, mit dem Leute, die mit der Thematik umgehen können, etwas Dampf ablassen können, ist MadWorld bestens geeignet.

Von Andreas Held
Wertung für das Spiel MadWorld
Wertungen Beschreibung
9.5Grafik
Ein einzigartiger Grafikstil, der nicht nur Mittel zur Entschärfung der Gewaltdarstellung ist, sondern auch sonst absolut beeindruckend aussieht und voll überzeugen kann. Die Detailverliebtheit und tolle Animationen sorgen dafür, dass sich MadWorld zu den technisch besten Wii-Spielen zählen darf.
9.1Sound
Sehr guter HipHop-Soundtrack, der aktuelle Chartmusik des selben Genres weit in den Schatten stellt und perfekt zum Spiel passt. Einzig die sich wiederholenden Sprüche der Kommentatoren können an vereinzelten Stellen nervig werden - sonst ist MadWorld auch hier absolut professionell präsentiert.
8.6Steuerung
Der Mix aus Knopf- und Bewegungssteuerung funktioniert und geht überraschend gut von der Hand. Einzig die Kamera macht ab und an leichte, aber nicht gravierende Probleme.
7.9Gameplay
Linearer Action-Titel, der oberflächlich betrachtet simpel ist, jedoch auch überraschend viel Spieltiefe bietet. Das Gameplay an sich ist extrem flüssig und kurzweilig, der kurze Umfang und teilweise unfair wirkende Bosskämpfe lassen jedoch noch Luft nach oben.
8.3Gesamt
(Kein Durchschnitt der Einzelwertungen)



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